Urlaubsgefühl

Über eine Woche war Ruhe auf diesem Kanal. Machen wir Urlaub?

Erstmal nicht wirklich, wir hatten durchaus zu tun. Aber jetzt sind alle dringenden Arbeiten an Flora erledigt, es kann weitergehen.

Die Segel sind vom Segelmacher zurück und wieder voll einsatzfähig. An einem windstillen Vormittag haben wir sie auch wieder angeschlagen. Das ist insbesondere beim Großsegel durchaus mit einigem Aufwand verbunden. 56 Quadratmeter schweres Hydranet-Tuch wollen gebändigt, hochgezogen und in den Mast gerollt werden. Danach dann langsam wieder herausrollen, um die durchgehenden vertikalen Latten in die Segeltaschen einzufädeln und zu spannen. Die größte der fünf Segellatten ist länger als unser Schiff, das ist also schon ein bisschen Action.

Auch die Lichtmaschine tut inzwischen wieder, was sie soll. Scott von EM-Power hat sich unseren Mastervolt-Lichtmaschinen-Regler vorgenommen. Zunächst schien alles ok. Als wir aber die Motordrehzahl erhöhten, stieg der Regler aus und startete neu. Dafür hatte Scott dann am späten Abend auch keine Erklärung mehr und wollte am nächsten Tag wiederkommen.

Brauchte er aber nicht, denn in der Nacht hatte ich einen Geistesblitz. Der Lichtmaschinenregler ist über den Öldruck geschaltet. Könnte es am Öldruckgeber oder an dessen Kabel liegen? Volltreffer, eine lose Steckverbindung am Öldruckgeber war der Übeltäter.

Außerdem haben wir für die Zeit auf der Werft schon mal vorgearbeitet und einige Teile bestellt. Die Schrauben der Tanks unter den Fußbodenbrettern wieder angezogen, die hatten sich gelockert und damit bei Seegang Quietschgeräusche ausgelöst.

Dazu natürlich sauber gemacht und bei der Gelegenheit auch die Bilgepumpe am tiefsten Punkt im Inneren des Schiffes gereinigt.

Den Stauraum unter der Achterkoje ausgeräumt, sortiert, Sachen zum Sozialladen gebracht, die Hochdruckpumpe des Wassermachers ausgebaut, gereinigt und wieder eingebaut, einige Schläuche und Ventile beim Wassermacher erneuert, und und und.

Zwischendurch genießen wir aber auch den Frühling in Whangārei, machen einen Ausflug in den Quarry Garden. In einem ehemaligen Steinbruch wurde ein Park angelegt. Halb botanischer Garten, halb Planten und Blomen, mit See und mehreren Wasserfällen, dazwischen Skulpturen und auch Reste des industriellen Steinbruchs. Und hier auf der Südhalbkugel lässt der Frühling halt jetzt die Pflanzen sprießen und die Farben leuchten.

Sabine und Jochen liegen mit ihrer Josa auch am Steg bei Dockland 5, gemeinsame Sundowner, Spieleabende und ein Besuch beim „Oktoberfest“ im Judge Alehouse sind da logisch und wir bleiben länger in Dockland 5 als ursprünglich geplant.

Aber wir reißen uns los. In gut einem Monat ist schon unser Krantermin und bis dahin wollen wir auch seglerisch etwas mehr von Neuseeland erkunden. Etwa fünf Wochen haben wir dafür erstmal, es fühlt sich wie Urlaub an. Die Inseln zwischen Whangārei und Auckland stehen auf dem Programm. Und es geht sehr gut los!

Die direkt vor den Whangārei Heads gelegenen Hen and Chicken Islands bieten keinen guten Ankerplatz bei den derzeitigen Südwestwinden, daher segeln wir durch diese Inselgruppe hindurch weiter hinaus zu den ebenfalls unbewohnten und seltener besuchten Mokohīnau Islands. Etwa 33 Seemeilen Richtung Osten sind es nach unserem Übernachtungsstop in Marsden Cove bis dort. 6 Stunden herrliches Segeln bei strahlendem Sonnenschein, im Wind ist auf dem nur 15° kalten Wasser trotzdem recht frisch, Fleecepulli ist angesagt.

Und dann erwartet uns dieser spektakuläre Ankerplatz, eingerahmt von hoch aufragenden Felsnadeln und fast senkrechten Cliffs:

Hier an Land zu gehen wäre ja ohnehin schwierig, es ist aber sowieso verboten. Nur die größte Insel des unter Naturschutz stehenden Archipels darf betreten werden. Also machen wir das Dinghy klar, erkunden ein wenig die Höhlen und Felsbögen der Cliffs an unserem Ankerplatz und fahren dann hinüber nach Pokohino, das auch Burgess Island genannt wird. Auf 122 m Höhe macht hier seit 1883 ein Leuchturm auf die verstreuten Felseninseln aufmerksam. Vor über 40 Jahren wurde er automatisiert, seitdem ist die ganze Inselgruppe unbewohnt.

Das Anlanden auf Pokohino ist nicht ganz einfach. Zwar gibt es eine alte, halbverfallene Betonpier, aber die dazu gehörige Treppe ist bei unserer Ankunft dem Ozeanschwell doch ziemlich ausgesetzt. Ich setze erst Wiebke ab, die mit einer langen Leine das Dinghy auf der Pier sichert, dann werfe ich den Dinghyanker an der Bungee-Leine. In einer Wellenpause an die Treppe motoren, überspringen ohne auf der glitschigen Treppe auszurutschen und das Dinghy vom Bungee zurückziehen lassen. Klappt.

Von der Pier zieht sich ein schöner Trail hoch zum Leuchtturm. Von dort haben wir einen tollen Ausblick über den Archipel (wir können den Mast der Flora ersähen, sie ist heute das einzige Boot hier) und bei der guten Sicht sogar zurück bis Hen and Chicken und weiter bis hinüber nach Great Barrier Island.

Pokohino ist wie alle Eilandes des Archipels eine Vogelinsel. Wir hatten bei den steilen Felsen eigentlich überwiegend Seevögel erwartet, aber das grüne Inselinnere bietet ganz offensichtlich auch vielen anderen Vogelarten willkommene Rückzugsorte. Wir hören und sehen unter anderem Maorí-Honigfresser sowie die einheimischen Kākāriki-Sittiche.

Vor allem aber freuen wir uns über die zahlreichen wunderschönen Tuí.

Ein weiteres Highlight gibt’s auf der Rückfahrt zur Flora: mehrere große Tümmler jagen zwischen den Schwärmen von Großmaul-Makrelen in der Bucht. Die Delfine kommen direkt zu unserem Dinghy geschwommen, drehen eine Runde um uns und widmen sich dann wieder den Makrelen.

Übeltäter und Hochgefühle

Nach dem Ankommen schnaufen wir erstmal durch. Das war nicht unsere schlimmste Passage, diesen zweifelhaften Titel behält Chesapeake Bay nach Antigua (November 2020). Aber es war eben doch anstrengend, vor allem wegen der mentalen Belastung nach dem gleich doppelten Verlust von Fockfall und Ersatzfall, dem unterwegs-in-den Mast-gehen, dazu dem beschädigten Vorsegel. Eine aufgegangene Naht im Großsegel konnten wir ja schon vorher nur provisorisch reparieren, im Laufe des Törns zeigt sich dann auch noch ein kleines Loch im Code0. Am Ende spielt auch noch unsere Lichtmaschine verrückt und lädt die Batterien nicht mehr. Ganz schön viel Verschleiß.

Erst mal die Gefühlslage beruhigen, ein bisschen Wunden lecken und das gute Ende feiern, gemeinsam mit „Leidensgenossen“, die ebenfalls gerade angekommen sind.

Schon nach zwei Tagen aber verlassen wir die schön gelegene Marsden Cove Marina wieder.

Bei herrlichem Wetter fahren wir den Hatea River hinauf nach Whangārei. Die Fahrt erinnert irgendwie an die heimatliche Schlei. Schmale Abschnitte wechseln mit weiten Wasserflächen, trotzdem müssen wir uns an das gut betonnte Fahrwasser halten, gleich daneben wird es oft untief. Hügelige Ufer, darüber „Schleswig-Holstein-Wolken“.

Überhaupt, es fühlt sich richtig gut an, wieder hier zu sein. Der schnelle Aufbruch ist auch damit verbunden, dass wir auf dem Steg in Marsden zufällig Waldo getroffen haben, den Segelmacher, der im letzten Winter unsere Segel durchgesehen hatte. Er hat gerade etwas Zeit und außerdem sein Calibre-Sails-Loft zu Dockland 5 verlagert, wohin wir wegen unseres Motor-Mechanikers ohnehin wollen. Und da steht ja außerdem auch noch unser Auto.

Kaum dort angekommen, schlagen wir alle Segel ab und bringen sie zu Waldo, der sich gleich ans Werk macht.

Danach beginnt die Operation Fockfall. Unser zuletzt in Hawaii 2022 erneuertes primäres Fockfall ist ja ein Draht-Tau-Fall. Wir konnten uns nicht so richtig erklären, wie es versagt hat. Die am am oberen Beschlag der Rollanlage verbliebene Metallkausch verhieß allerdings nichts Gutes. Mit etwas Mühe können wir das in den Mast gerutschte Fall unten am Mast herausziehen. So präsentiert es sich:

Nicht gut. Da der übrige Draht und auch der Tauwerksbereich aber noch sehr gut aussehen, wollen wir von einem Rigger den Draht kürzen und ein neues Auge pressen lassen.

Wir nehmen unser Auto wieder in Betrieb, es springt auf Anhieb an. Tatsächlich hat das Marina-Personal es einmal im Monat laufen lassen, super. Also ab zum Rigger und der erledigt das auch gleich:

Nur, jetzt muss das Fall ja auch noch wieder durch den Mast gezogen werden. Also zieht mich Wiebke wieder in schwindelnde Masttop-Höhe, ich lasse eine dünne Leine mit einem Angelblei-Gewicht im Mast hinunter und irgendwann können wir sie unten auch tatsächlich heraus fischen. Jetzt das an der dünnen Leine angeknotete Fall nachziehen und juchhe: das primäre Fockfall ist wieder einsatzbereit.

Vorrübergehend Leinensalat, aber das blaue Fockfall ist wieder da, wo es sein soll!

Waldo meldet sich, die Segel sind schon fertig repariert. Klasse, noch vor dem Wochenende. Die Segel schlagen wir heute allerdings nicht mehr an. Es ist Wind aufgekommen und außerdem kommt Motor-Mechaniker Byron auf die Flora: Fehlersuche bezüglich der Lichtmaschine. Nach einigen Messungen vermutet er einen Elektrowurm als Ursache.

Da müssen wir morgen (am Samstag!) noch etwas tiefer einsteigen und bis dahin darf ich im Motorraum schon mal die (auf der Flora etwas zugebaute) Rückseite des Sicherungspanels freilegen.

Passage Fiji nach NZ, Tag 8: Geschafft.

Exakt einen weiterer Segeltag benötigen wir. Um 12.00 Uhr laufen wir in Marsden Cove ein. Dieser letzte Tag hat es noch einmal in sich, bis in die Nacht hinein kräftiger Wind und hohe Wellen. Etwa ab Mitternacht wird es dann aber besser, ruhiger. Gegen 04.00 Uhr schläft der Wind dann entgegen der Vorhersage sogar ein, eine Zeitlang müssen wir motoren.

Der Dienstagmorgen versöhnt uns dann. Frische, klare, kalte Luft, ja, schon Mitte der Passage haben wir auf lange Hosen und nachts auch Pullover gewechselt. Dazu jetzt aber herrlicher Sonnenschein und raumer Segelwind.

Frühstück mit Resteverwertung. Der letzte Salat, das letzte Gemüse, der letzte Rest Salami, Aus den letzten Eiern wird Rührei gemacht. Wobei: Wiebke erfindet quasi das selbstrührende Rührei, denn die Restwellen schaukeln den Pfanneninhalt auf dem halbkardanisch aufgehängten Herd ordentlich durch. Wohlgemerkt, bei ganz guten Bedingungen, wo man wieder kochen mochte und wie man am Hintergrundgeräusch hört sogar unter Motor. (Video anklicken)

Vor der Einfahrt in den Hatea River, der sich hinter Marsden Cove zur Bucht Whangārei Harbour weitet, biegen wir um die von der Felsformation Whangārei Heads gebildete Kap.

Malerisch und auch ein Gänsehaut-Moment. Wir sind wieder da.

Die Passage ist es und wir selbst sind es auch: geschafft!

Flora in der Marsden Cove Marina

Passage Fiji nach NZ, Tag 7: Durchhalten!

Nach dem auf-der-Stelle-Segeln gestern geht es heute schon früh weiter. Um 4:30 nehmen wir das Vorsegel nach Steuerbord, los geht’s. Die Kante des Easterly Punch hat uns erreicht, es ist ordentlich Druck in der Luft. Sowohl Groß als auch Vorsegel sind jeweils im Dritten Reff, allerdings auch als Vorsichtsmaßnahme wegen der im Verlauf des Tages noch zu erwartenden Böen. Angesagt sind bis zu 33 kn, deutlich weniger als der Punch gestern aufgeboten hat, aber immer noch knackig. Zumal die Wellen knapp 3 m hoch und ziemlich chaotisch sein werden. Da müssen wir jetzt aber durch. Noch länger Beizuliegen macht keinen Sinn, weil sich im Nordosten von Neuseeland ein neues Tiefdruckgebiet bildet.

180 sm liegen vor uns, wir sollten also Dienstag Mittag ankommen. Ziel ist jetzt doch wieder (wie ja ursprünglich vorgehen) Marsden Cove, um einiges südlicher als Opua.

Wie erwartet werden wir bei bleigrauem Himmel ziemlich durchgeschüttelt und die chaotischen Seen klatschen immer mal wieder äußerst heftig an die Bordwand. Ein paar kräftige Regenschauer bringen zusätzliche Würze. Segeln lässt sich der Halbwindkurs aber trotzdem einigermaßen gut. Nicht eben angenehm, schräg und nass, aber machbar. Auch wenn uns gelegentlich doch eine Kreuzsee aus dem Kurs drückt.

Es kann auch anders kommen. Unterwegs bekommen wir die Nachricht, dass eine Beneteau 62 kurz vor Opua in dem Easterly Punch Mastbruch erlitten hat. Verletzt wurde zum Glück niemand. Wir waren zeitweise auf parallelem Kurs unterwegs. Mit der Crew hatten wir vorgestern noch gefunkt, als sie während unserer Vorbereitung für das Beiliegen vorbei zogen.

Zum Schiffsmittag haben wir 123 sm zurückgelegt, insgesamt damit 979 sm. Noch 126 sm bis zum Ansteuerungspunkt vor den Whangārei Heads, dazu noch etwa 15 sm hinein bis nach Marsden Cove.

Essen: Rest der Thai-Gemüse-Suppe von gestern. Wobei mir auffällt, dass ich gestern das Essen gar nicht erwähnt hatte. Und das, obwohl wir regelrecht geschwelgt haben. Frühstück schon mit French Toast / Arme Ritter, dann mittags die leckere Suppe und abends Avocado-Toast mit Ei.

Heute Abend dagegen nur Cracker mit Nori-Seetang-Blättchen, ist einfacher bei dem Geschaukel.

Passage Fiji nach NZ, Tag 6: Innehalten.

Ist die Überschrift falsch gewählt? Sind wir jetzt auf Passage, ist es auch dann noch eine Überfahrt, wenn das Boot doch praktisch gar keine Fahrt macht?

Gestern rauschen wir noch mit 8 kn durch den Südpazifik auf Opua zu, heute früh immerhin noch mit guter Fahrt nach Osten in den Sonnenaufgang.

Jetzt dümpeln wir auf einem kleinen Flecken Ozean, bewegen uns kaum von der Stelle. Das soll Passage sein?

Na ja, Passage kann ja je nach Zusammenhang vielerlei verschiedene Bedeutungen haben. Einkaufspassage, der federnde Trab bei der Dressur im Reitsport, Landenge, Textabschnitt zum Beispiel. Oder eben auch – ein wenig allgemeiner – eben ein Übergang, eine Verbindung, die auch eine Veränderung ist.

Und bei uns auf der Flora verändert es sich gerade von Jetzt kommen wir gleich in Neuseeland an – Aufregung hin zu Lass den Easterly-Punch-Boxer doch lieber ins Leere schlagen, warum sollen wir uns auf den letzten Metern verhauen lassen?

Also lieber einmal richtig auf die seglerische Bremse treten: wir drehen bei. Vom flotten Amwindkurs aus wird eine Wende gefahren, ohne die Segel zu bedienen. Gegenruder geben und das Steuer festsetzen. Danach ist das Boot auch bei Welle und viel Wind in einer selbststabilisierenden Lage, dem Beiliegen. Bei viel Wind und Welle kann man sich damit eine Erholungspause verschaffen, ruhen oder etwa Kochen oder Duschen.

Aber auch bei wenig Wind kann das Manöver hilfreich sein, man parkt quasi ein, driftet nur langsam nach Lee. Fast ist es, als ankerten wir mitten auf dem Ozean. Für uns heißt das, wir bleiben für einige Zeit an einem noch recht sonnigen und windarmen Platz eben außerhalb des stürmischen Easterly-Punch-Bereichs. Im Windy Satellitenbild lässt sich das sehr gut erkennen:

In der Realität sieht es so aus, dass Flora einen Tag lang mit seltsam verdrehtem Vorsegel sanft schaukelnd zwischen Sonnenschein und Wolkenbank liegt.

Wir können noch mal innehalten, auf dem Achterschiff duschen, lesen, spielen, reden, Hörbuch hören. Und uns mental auf den Schlussspurt nach Neuseeland vorbereiten, denn morgen früh wollen auf das hoffentlich etwas schwächere Ende des Easterly Punch aufspringen und weitersegeln.

Passage Fiji nach NZ, Tag 5: auf die Spitze treiben.

Da braut sich was zusammen. Diese kleine fiese Front, die sich so kurz vor unserer Ankunft scheinbar aus dem Nichts entwickelt und die sich ganz unvermittelt zwischen uns und Neuseeland drängt, sie folgt leider einem bekannten Muster.

„Easterly Punch“. So nennen die neuseeländischen Meteorologen dieses Phänomen. Ein sich überraschend schnell entwickelnder, aber auch eher kurzlebiger Ostsüdostwind. Wie ein Schlag. Zitat MetBob: „It’s a shock for the unaware“. Das kann man verstehen, denn nördlich dieser Front, da wo wir jetzt noch sind, herrschen eher schwache Winde. Die waren bei unserer Abfahrt auch noch für die letzten Meilen bis Neuseeland angesagt. Nur, der „Easterly Punch“ wartet hinter seiner scharf abgegrenzten Nordseite gleich mit Böen über 40 Knoten auf. Windstärke 9, Sturmstärke.

Ärgerlicherweise ziemlich genau da, wo wir am Sonntagmittag wären, wenn wir einfach gerade auf unserer geplanten Route weiterfahren.

So sagen es das Europäische Modell ECMWF und auch das deutsche Icon. Selbst wenn das amerikanische Wettermodell GFS recht behielte, fielen die Böen zwar etwas schwächer aus. Kämen auf diesem Kurs aber trotzdem schräg von vorn. Ebenso die Wellen, ca. 3 m hoch und alle 6 Sekunden. Das ist weit jenseits von nur unkomfortabel.

Unsere Optionen sind auch deshalb ein bisschen limitiert, weil uns ja der Schäkel des Fockfalls gebrochen ist, wir also unser kleines Vorsegel nicht benutzen können. Wir hoffen, das hier in diesem Flautenbereich beheben zu können. Auf dem offenen Ozean hoch in den Mast, das ist auch bei wenig Wind nicht ganz ohne. Die Ozeandünung schaukelt dort oben an einem 20 m langen Hebel, lässt die Mastspitze einfach ein paar Meter zur Seite schwingen. Aber: es hilft ja nichts. Also den Klettergurt an, den (Wingfoil-) Helm aufgesetzt und los. Wiebke zieht mich hinauf in die schwankende Höhe.

Bewegender Arbeitsplatz mit Aussicht

Tatsächlich hängt ein Teil des auseinander gebrochenen Schäkels noch vor dem Fall-Austritt und ich kann das Fallende wieder mit nach unten bringen.

Wir knoten einen Ersatzschäkel an, rollen die ja ohnehin schon etwas durchgesackte Fock aus und holen sie herunter, soweit es geht. Dann schneide ich den Keder des Vorsegels dort durch, wo er ausgerissen ist und sich die blockierende Schlaufe gebildet hat, nur so bekommen wir das Segel ganz herunter. Etwa fünf Zentimeter muss ich aus dem Keder herauskürzen, dann aber kann er wieder auf ganzer Vorliekslänge in die Nut der Rollanlage eingefädelt und das Segel mit dem Fall nach oben gezogen werden. Notreparatur, klar, aber wir haben wieder eine funktionsfähige Fock!

Und das eröffnet uns weitere Optionen, um mit dem Easterly Punch umzugehen: wir können wieder beidrehen, das heißt wir können nördlich der Front schlicht zwei Tage abwarten, bis sie durchgezogen ist. Oder wir können weiter nach Osten segeln und dann in die Front hinein. Der Wind und die Wellen kämen dann eher von hinten, deutlich weniger unangenehm, und mit kleinen Segeln dann handhabbar. Falls es uns doch zu viel wird, könnten wir nach Norden heraus aus der Front ablaufen oder eben beidrehen.

Ganz entschieden haben wir noch nicht, wir machen erst einmal Weg nach Ost. Auf dem Noforeignland-Track lässt sich der Haken in unserem Kurs gut erkennen. Derzeit ruhiges Segeln in schwachem Wind.

Essen: Mittags Asia-Suppe mit viel frischem Gemüse und Hackfleisch , das wir eingekocht hatten. Abends Bratkartoffeln mit Rührei und Schinken, Salat, Tomaten und Gurken. Nichts davon dürfen wir nach Neuseeland einführen, das muss jetzt alles weg.

Am Schiffsmittag: Etmal 162 sm, da hat der Code0 bis heute Morgen sehr gute Dienste geleistet, gesamt 808 sm bis Schiffsmittag. Bis jetzt sind heute noch weitere 48 sm dazu gekommen, auf direktem Weg wären es noch etwa 180 sm bis Opua in Neuseeland.

Passage Fiji nach NZ, Tag 4

Nachdem das Adrenalin der Aktion mit den Vorsegeln zunächst seine Wirkung getan hat, sackt mit etwas Abstand statt der Segel der Körper leicht durch: die schon überstanden geglaubte Seekrankheit ist zurück und ich füttere nochmal die Fische.

Dafür scheint unsere seglerische Improvisationslösung zu funktionieren. Das ist gut so, denn laut PredictWind-Vorhersage entwickelt sich bei Neuseeland ein Windband mit kräftigeren Winden und insbesondere wegen der fehlenden Fock nicht idealer Windrichtung (schräg von vorn). Nichts dramatisches, aber: je eher wir da sind, desto besser.

Immerhin, heute feiern wir Bergfest, mehr als die Hälfte der Strecke liegt im Kielwasser.

Flotte Fahrt, aber auch Wolken am Horizont. So geht’s in die Nacht:

Wir merken deutlich, dass wir den Wendekreis des Steinbocks nach Süden überquert und damit die Tropen wieder verlassen haben. Es wird deutlich kälter, lange Hosen und nachts auch Socken und Fleecedecke im Cockpit sind angesagt.

Essen: kaum der Erwähnung wert, ein paar trockene Cracker für mich, nochmal Bratkartoffeln (eigentlich meine Ration von gestern) für Wiebke.

Etmal: für diese Situation sehr gute 157 sm, gesamt 646 sm, noch etwa 410 sm zu segeln.

Passage Fiji nach NZ, Tag 3: Murphy ist ein Segler

Chaos-Tag. Die Seekrankheit ist noch da, wird aber langsam besser. Muss sie auch, denn mitten in der Nacht sackt wieder das Vorsegel durch und rutscht teilweise ins Wasser. Wir können es bergen. Es ist ein hartes Stück Arbeit, obwohl es diesmal “nur” 20 kn Wind sind und nicht 30 kn wie beim letzten Mal im April.

Nach der Erfahrung vom April laschen wir das Segel diesmal nicht an den Seezaun, sondern ziehen es gleich mit dem Ersatzgenuafall wieder hoch. Aber entweder hat es bei der Bade-Aktion schon einen kleinen Schaden am Keder bekommen oder wir beschädigen ihn beim Einfädeln. Die unteren zwei Meter gehen nicht in die Nut und das Segel lässt sich bei diesen Bedingungen auch nicht wieder herunterziehen, der Teil über den zwei Metern ist blockiert.

Unsere Notlösung: das Segel eng ins erste Reff wickeln. So können wir weitersegeln. Sechs Stunden lang. Dann ein kleiner Knall und das Segel sackt wieder durch. Offenbar ist auch der Schäkel vom Ersatzfall entweder aufgegangen oder gebrochen. Das gibt’s doch nicht: 45.000 Meilen passiert das nicht und dann gleich drei Mal hier zwischen Neuseeland und Fiji. Immerhin kann die Fock diesmal nicht ins Wasser rutschen, weil sie ja schon ein bisschen eingerollt ist.

Wir rollen sie ganz ein, da ist im Augenblick nichts zu machen. In den Mast zu gehen kommt bei diesem Geschaukel nicht in Frage.

Wir dümpeln bei 15 bis 20 kn Wind unter Groß, aber alleine ist mit diesem Segel kein Amwindkurs zu fahren und wir haben etwa 60° Windwinkel zum 600 Meilen entfernten Ziel.

Nach einiger Überlegung entschließen wir uns, den Code0 zu setzen und nur ein kleines Stück auszurollen. Das tut dem Code0 ganz sicher nicht gut, aber es balanciert das Boot so weit aus, dass wir mit einfach gerefftem Groß Kurs anlegen können und sogar wieder einigermaßen Geschwindigkeit machen.

Essen: Bratkartoffeln für Wiebke, trockene Cracker für mich.

Etmal: 155 sm, gesamt 489 sm, noch ca. 580 sm bis Marsden Cove.

Schlimm für den allerdings ohnehin schon etwas verschlissenen Code0, aber im Moment wohl unsere beste Option.

Passage Fiji nach NZ, Tag 2

Zum Abend wird die Wellenfrequenz etwas länger. Flora stoppt nicht so stark ab, wir laufen gute Geschwindigkeit. Wie ein Güterzug zieht das Boot durch die mondhelle Nacht.

Der Tag beginnt bewölkt und eher grau. Es ist böig werden zwischendurch etwas konfus.

Nur ein kurzer Bericht heute, die Seekrankheit hat mich erwischt.

Essen: Kürbisrisotto.

Etmal: 170 sm, gesamt 334, noch zu segeln ca. 715 sm.

Passage Fiji nach NZ, Tag 1

Um 9.00 Uhr haben wir einen Termin zum Ausklarieren in Denarau. Wir sind um 8.20 Uhr da und das erweist sich als gute Entscheidung. Diverse Crews haben offenbar den gleichen Termin bekommen. So aber sind wir ziemlich weit vorne in der Schlange und um 9.15 Uhr tatsächlich schon durch. Vor dem Büro wartet inzwischen eine Traube von Seglern.

Das ist auch ein gutes Zeichen, denn offenbar sind wir nicht die einzigen, die in der aktuellen Vorhersage ein Wetterfenster erkennen. Es scheinen sich gut 40 Boote von Denarau und Nadi aus auf den Weg nach Neuseeland zu machen.

Ein wenig zweifeln wir trotzdem schon bald an der Entscheidung, denn nach der Riffdurchfahrt empfangen uns 3-Meter-Wellen und ein Amwind-Kurs. Keine sehr angenehme Kombination und immer wieder klatschen auch Wellen übers Deck. Gänzlich unerwartet ist das allerdings nicht, der Bereich eben südlich von Fiji‘s Hauptinsel Viti Levu ist für diese Bedingungen bekannt.

Immerhin können wir Kurs auf Neuseeland anlegen. Nach der Vorhersage sollte der Wind unterwegs ein kleines bisschen zu unseren Gunsten drehen und auch die Wellen dürften sich zumindest zwischenzeitlich etwas beruhigen.

Der erste Tag allerdings ist geprägt von viel Schräglage und wildem Geschaukel, nicht eben der perfekte Einstand. Immerhin sind wir recht flott unterwegs.

Essen: Wiebke hat eine Asia-Pfanne vorgekocht, die wird warm gemacht. Schon das ist bei den Bocksprüngen des Bootes nicht ganz ohne.

Etmal: 153 Seemeilen von Schiffsmittag bis Schiffsmittag, dazu 11 sm am ersten Vormittag. Also bisher 164 sm geschafft, noch etwa 890 sm vor uns.